Dokumentarfilme von Marcin Koszałka

Ein Film ohne Story ist denkbar – aber kein Film ohne Bilder. Was das Kino vom bloßen Film unterscheidet, sind nicht seine Geschichten, sondern seine Bilder. Erst sie machen Film zum Kino. Meisterwerke entstehen dann, wenn sich gute Geschichten mit hervorragenden Bildern verbinden. Polnische Kameraleute gehören seit jeher zu den Meistern ihrer Zunft. Deshalb lässt filmPOLSKA seit Jahren seine Zuschauer erleben, welche große Bedeutung ihre Bilder für das Kino haben.
In diesem Jahr begrüßen wir einen ungewöhnlichen Gast: den herausragenden Dokumentarfilmer und Kameramann Marcin Koszałka. Schon sein erster Dokumentarfilm „Takiego pięknego syna urodziłam / Such a Nice Boy I Gave Birth To“ sorgte für heftige Diskussionen u.a. über die Grenzen des Dokumentarischen. Überhaupt scheint das Ausloten von Grenzen ein Leitmotiv seines Schaffens zu sein. Koszałkas Filme berühren angstfrei die intimsten und wesentlichsten Probleme unseres Lebens wie beispielsweise den Verbleib des Körpers nach dem Tod oder die verbotene Liebe.
Im Spielfilm lotet Koszałkas Kamera die Grenzen auf andere Weise aus. Sie baut klaustrophobische Räume auf, in denen die Protagonisten zu ersticken drohen. Man kann sogar sagen: Koszałka kreiert unmenschliche Räume, in denen sich das Schöne und das Böse in gleichen Teilen entfalten können. Koszałkas jüngster Film, bei dem er sowohl Regie führte als auch hinter der Kamera stand, ist ein herausragendes Beispiel für eine solche ästhetische und erzählerische Kohärenz. Wie sonst hätte man die Geschichte eines Serienmörders erzählen können?

06.05. / SA / 20:00 / Arsenal / Gast: Marcin Koszałka

Dokumentarfilme von Marcin Koszałka

Takiego pięknego syna urodziłam / Such a Nice Boy I Gave Birth To

PL 1999
R/B/K: Marcin Koszalka
25 min, OmU
S: Anna Wagner

Ein Film wie ein Schlag ins Gesicht: hart, laut, roh und schmerzhaft offenherzig. Denn Marcin Koszałka führt uns an einen finsteren, schrecklichen Ort – in die Wohnung seiner Familie. Dort sitzt er auf dem Sofa und richtet die Kamera auf das, was sich um ihn herum ereignet. Und seine Mutter ist in der Tat ein Ereignis, eine Naturgewalt: In endlosen Tiraden beschimpft sie pausenlos in rüdester Weise ihren Sohn, der in ihren Augen ein Nichtsnutz ist, der nichts kann außer eben auf dem Sofa zu sitzen und eben mit einer Kamera zu hantieren. Auch ihr Mann kommt nicht viel besser weg. In wenigen Szenen entfaltet sich das Bild einer Menschengruppe, die das Gegenteil von dem verkörpert, was man sich landläufig unter dem Wort „Familie“ vorstellt.

Marcin Koszałka kommentierte seinen radikalen, die Frage nach den Grenzen des Dokumentarischen neu stellenden Film so: „Dieser Film hat nichts mit Rache zu tun. Andere an meiner Stelle wären bei so einer Familie bestimmt ausgerastet und hätten einen Mord begangen. Dieser Film war für mich so etwas wie eine Selbst-Therapie.“ Und, wie die überraschende Schlussszene zeigt, öffnete er nicht nur ihm die Augen.


Deklaracja nieśmiertelności / Declaration Of Immortality / Die Unsterblichkeitsdeklaration

PL 2010
R/B/K: Marcin Koszałka
31 min, OmU
S: Anna Wagner
M: Andrzej Smolik

Männer, die auf Felsen klettern – in atemberaubenden Kameraeinstellungen, in schwindelerregender Höhe. Wir begleiten den polnischen Übervater des Kletterns Piotr Korczak, genannt „Szalony“ (der Verrückte), auf einer wahnsinnigen Gipfeltour. Generationen von Kletterern hat er seit den Achtzigern beeinflusst und einige der schwierigsten Routen der Welt bewältigt.

Aber Koszałka ist viel zu sehr Psychologe, um sich mit schönen Bildern eines Ausnahmesportlers zu begnügen. Er bricht die Narration auf, tritt mit seinem Helden in einen Dialog und hinterfragt dabei nicht nur den Sinn des Dargestellten, sondern auch den seines Films. Er schreckt nicht einmal davor zurück, die Inszenierung hinter seinen Aufnahmen zu offenbaren.

Das Ergebnis ist ein Film nicht nur über einen außergewöhnlichen Menschen, der oft im wahrsten Sinne des Wortes am Rande des Abgrunds steht. Es ist ein kunstvoll montierter Film-Essay über Leistungssport als Droge, die Allgegenwart des Risikos und die permanent spürbare Todesnähe – und damit auch über Vergänglichkeit und Scheitern sowie die allgegenwärtige Sehnsucht nach der Überwindung des Todes und nach ewiger Jugend.


Do bólu / Till It Hurts / Bis an die Schmerzgrenze

PL 2008
R/B/K: Marcin Koszałka
24 min, OmU
S: Anna Wagner
M: Michał Lorenc

Jacek ist 53 Jahre alt, malt düstere großflächige Gemälde und arbeitet als Psychologe. Sein größtes Studienobjekt ist aber vermutlich er selbst – und das sehr spezielle Verhältnis zu seiner Mutter. Er wohnt immer noch mit ihr zusammen und hatte zwanzig Jahre lang keine Partnerin. Seit sein Vater starb, stand kaum etwas zwischen ihnen.

Aber jetzt gibt es einen Störfaktor. Jacek hat eine Frau in seinem Alter kennengelernt und ist verliebt wie ein Teenager. Seine Mutter hat hingegen grundsätzliche Zweifel, ob die Auserwählte auch die Richtige für ihren Sohn ist und sie bei der Liebelei nicht auf der Strecke bleibt. Mit ihr und Jaceks Freundin stehen sich zwei scheinbar unversöhnliche Rivalinnen gegenüber.

Koszałka drehte den Film als vierten Teil der Reihe „Dekalog ... po dekalogu“ (Dekalog ... nach dem Dekalog) und stellt darin, untermalt von sakraler Musik, grundsätzliche Fragen nach Loyalität, Abhängigkeit, Abnabelung und Verrat. Dafür gewann er beim Festival DOK Leipzig die Goldene Taube für den besten kurzen Dokumentarfilm.

Kategorie:
Kamerakunst
Deutscher Titel:
Dokumentarfilme von Marcin Koszałka
Dauer:
01:20:00
Festivalausgabe:
2017
Regie
Marcin Koszałka

Kommende Filme

  • Dokumentarfilme von Marcin Koszałka

    Kino Arsenal